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AFX x Weirdcore Editorial

"Was Androiden sehen würden, wenn sie halluzinierten"

Der Künstler Weirdcore über die Gestaltung der Geschenkbox-Verpackung der AFX Station

Die Welt wimmelt von Künstlern, die ihr Handwerk beherrschen. Doch die Liste derer, die es geschafft haben, sich eine einzigartige Nische zu erobern und Werke zu schaffen, die nur durch ihre einzigartige Technik oder Vision entstehen konnten, ist erheblich kürzer. Man kann sicher feststellen, dass in der Welt derer, die mit elektronisch generiertem Bildmaterial arbeiten, der Mann, der unter dem Namen Weirdcore bekannt ist, weit oben auf dieser Liste steht. Seine phantasmagorischen Videoarbeiten für Musiker wie Radiohead, Mos Def und 1975 würden bereits ausreichen, um ihn auf dieser Liste zu platzieren, ebenso wie die kaleidoskopischen, dicht gedrängten Bühnenwelten, die er für Musiker wie M.I.A., Gwen Stefani und Mylie Cyrus erschaffen hat.

Über allem thront jedoch die Live-Zusammenarbeit von Weirdcore mit dem Meister der elektronischen Musik Richard D. James, besser bekannt unter seinem Pseudonym Aphex Twin. In einem Interview mit Novation von 2017 beschrieb er seine Arbeit bei Livegigs, bei denen er die Musik und die Ideen von James in Bilder umsetzte, als "eine Mischung aus psychologischer und psychedelischer Überlastung." Tatsächlich ist wohl die treffendste Beschreibung der surrealen, hyperaktiven und gelegentlich albtraumhaften Bilder.

Novation x Weirdcore Zero SL MkII
Auch Weirdcore ist seit längerer Zeit ein Fan der Novation-Controller. Schon 2012 hat das Modell Zero SL MkII eingesetzt.

 

Der bewusstseinsverändernde Maximalismus von Weirdcore ist gefragt, weil er schlicht so gut darin ist und seinen Stil über die letzten zwei Jahrzehnte immer weiter verfeinert hat. "Ich habe mich schon immer für Kunst interessiert", sagt er, "weniger jedoch in jungen Jahren." Das änderte sich grundlegend, als der langjährige Daft-Punk-Fan das französische Duo im Que Club in Birmingham auf der Bühne sah – ein Auftritt, der mit dem Album Alive 97 unsterblich wurde. "Es war das erste Mal, dass ich sie im Zusammenspiel mit Visuals sah, die für die damalige Zeit ziemlich bahnbrechend waren. Ich dachte: "Jawohl, das soll die Richtung sein, in die ich mein Leben ausrichten möchte!"

Und so geschah es. Weirdcore beschäftigte sich mit interaktivem und Webdesign und begann im Übergang der 1990er in das neue Jahrtausend mit Live-Visuals zu arbeiten. Dabei verfeinerte er seine Visionen zum kontrollierten Chaos mit so ziemlich jedem neuen Auftritt. "Als ich anfing", sagt er, "benutzte ich eine japanische Software namens Composite Station. Die entsprach in etwa dem, was Coldcut damals einsetzte – die Software VJamm. Im Prinzip stand auf jeder Taste der Computertastatur ein Clip oder ein Effekt abrufbereit zur Verfügung. Das war durchaus gut, aber ich stellte fest, dass deine Finger nach etwa einer Stunde nicht mehr unbedingt das tun können, was du von ihnen verlangst. So willst du beispielsweise einen bestimmten Key-Effekt aufrufen, kannst aber deine Hände nicht mehr dazu bringen, dorthin zu gelangen! So wechselte ich relativ zügig zu Max/MSP" – eine Software, die es ihm ermöglichte, eine maßgeschneiderte Programmierumgebung zu erstellen.

Novation ist seit den frühen 2000er Jahren Teil der Technik von Weirdcore. "Das war zu dem Zeitpunkt, als die erste Version der Remote SL verfügbar wurde", erinnert er sich. "Ich habe das Gerät als reinen MIDI-Controller eingesetzt  und seither so ziemlich jede ReMOTE SL besessen." Die Controller Launch Control und Launchpad Pro, im Programmiermodus, wurden etwas später Teil seiner Ausstattung, und er machte sich daran, diese an seine spezifischen Bedürfnisse als bildender Künstler anzupassen. "Ich bin richtig tief in die Patches und deren Preset-Einstellungen eingetaucht", gibt er an. "Ich arbeite mit Max/MSP, um mit meinem Preset-System zu kommunizieren. So habe ich beispielsweise ein Preset für die Kamerabewegung, ein Preset für die Beleuchtung oder ein Preset für die Geschwindigkeit der Animation. Und innerhalb dieser werde ich weitere Presets haben, die bestimmen, wie die Dinge von einer Einstellung zur anderen morphen. Auf diese Weise kann ich eine ganze Show bestreiten, ohne einzelne Parameter überhaupt zu verändern."

Erstmals kam Weirdcore über gemeinsame Freunde mit Aphex Twin in Kontakt. Und 2002 war er zufällig bei einer Veranstaltung in Paris für die Visuals verantwortlich, bei der auch James spielte. "Tatsächlich begann ich aber erst 2009 wirklich mit Richard zu arbeiten. Sein Agent schickte mir aus heiterem Himmel eine E-Mail und fragte, ob ich auf seiner Tournee Live-Visuals machen wolle – was ziemlich erstaunlich war", erinnert er sich. "So erstaunlich, dass ich dachte, es sei ein Witz!"

AFX x Weirdcore: FieldDay
Ein Standbild aus einer Live-Übertragung des Auftritts von Aphex Twin beim Field Day, London, 2017. Bildmaterial von Weirdcore. Foto: NTS.

 

Es handelte sich keineswegs um einen Scherz. Vielmehr erwuchs bald eine synergetische Partnerschaft, die bis heute in kräftiger Form andauert. Weirdcore beschreibt seinen typischen Ansatz wie folgt: "Ich versuche, mich in den Kopf des Kunden hineinzuversetzen. Dabei versuche ich, ihm das zu liefern, was er will, aber nicht unbedingt das, was er erwartet." Und so war es auch bei seiner Arbeitsbeziehung zu James. "Als ich anfing, mit ihm zu arbeiten", erklärt er, "warf ich ihm jede Menge Referenzen und Bilder zur Bewertung an den Kopf. Im Sinne von "Mir gefällt dies, mir gefällt das – fast so, als würde ich ihm einen Fragebogen schicken, um herausfinden, was er sich wünscht." Nach den vielen Jahren der Zusammenarbeit läuft dieser Prozess inzwischen natürlich deutlich effizienter." "Er schickt mir ein Bild, einen Clip oder ein Konzept", von dem ausgehend ich meine Arbeit beginne. Er gibt die Richtung vor, in die ich gehen soll, und ich schließe mich diesem Fluss in kreative Weise an."

Für die AFX Station hatte Weirdcore die Aufgabe, das Artwork für die Verpackung zu gestalten. Das klingt einfach, allerdings ist das Endergebnis in der Welt von Weirdcore selten simpel. Er hatte an der visuell-künstlerischen Gestaltung der 2018 von Aphex Twin veröffentlichten EP Collapse2 gearbeitet. Ein Projekt, das ein psychotropes Video enthielt, das er damals selbst wie folgt beschrieb: "Was Androiden sehen würden, wenn sie halluzinierten?" Hinzu kamen eine Reihe von kollabierenden Kunstwerken, die auf der Veröffentlichung zu sehen sind. "Ich wollte damit weitermachen. Dabei sollte alles, was in dem Kunstwerk zusammenbricht, spezifisch dieses spezielle Produkt betreffen", sagt er. "So habe ich zum Beispiel die tatsächlichen Leiterplattenzeichnungen verwendet."

"Ich stehe sehr auf Recycling, ökologisches Handeln und all dieses Zeug", fährt Weirdcore fort, "deshalb wollte ich sicherstellen, dass die Verpackung selbst ein Leben hat, das über das bloße Beherbergen des Produkts hinausgeht. Zu diesem Zweck erinnerte er sich an einen Besuch im Hundertwasser-Museum in Wien. "Friedensreich Hundertwasser hat all diese unkonventionelle Architektur umgesetzt – viele abstrakte Formen, die aber gleichzeitig Teile von Zweckbauten sind. Und der entscheidende Punkt bei diesem Projekt ist durchaus vergleichbar: Normalerweise ist so ziemlich jedes Kunstwerk rechteckig oder quadratisch", sagt er. "Ich hatte jedoch die Idee, dass die Schachtel, wenn sie aufgeklappt ist, eine Art Wandbild werden könnte. Ein Bild, das auf verschiedene Weise dargestellt werden könnte, mit all den eher klapprigen Seitenelementen, die beim Auffalten erscheinen. Sie ist weder rechteckig noch quadratisch, sondern hat die Form, die sie eben hat, weil es sich tatsächlich um eine Schachtel handelt. Natürlich könnte man die Lappen abschneiden und es wie ein Rechteck in einem Rahmen aussehen lassen, wenn man das möchte. Der Besitzer kann die Verpackung präsentieren, wie es ihm gefällt."

Wenn du das Glück hattest, die noch laufende Ausstellung Electronic: From Kraftwerk to The Chemical Brothers im Londoner Design Museum zu besuchen – und das solltest du wirklich, wenn du in der Stadt bist, denn sie ist erstaunlich – dann hast du vielleicht sogar schon einen heimlichen Blick auf die Verpackung der AFX-Station erhascht." Das Museum kam zu mir und war ziemlich scharf darauf, Werke, die ich gemacht habe, zu zeigen, einschließlich einiger Sachen in Zusammenhang mit Aphex Twin", erinnert sich Weirdcore. "Aber nach Gesprächen mit ihm, war ich der Meinung, dass es gut sei, die Werke in einen spezifischen Bezug zu Collapse zu setzen. Und da dieses Projekt in diesem Stil durchgeführt wurde, dachte ich mir, dass wir es ebenfalls einbeziehen könnten."

Bis jetzt wurde die AFX-Station selbst unter Verschluss gehalten. Weirdcore selbst ist dabei etwas unscharf in den Details. (Er gibt zu, dass er trotz jahrelanger Erfahrung mit Novation-Produkten "nicht wirklich ein Musiktechnik-Nerd ist"). Aber sämtliche Informationen zu den Neuerungen findest du auf der Produktseite.

Was die weitere dauerhafte, vielfältige und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Weirdcore und Aphex Twin betrifft ... nun, Weirdcore gehört nicht zu den Personen, die die Katze aus dem Sack lassen. Aber er gibt einen Hinweis: "Fraktale sind dort, wo Richards Verstand gerade ist." Wie immer dürften die Ergebnisse spektakulär ausfallen.

 

Text: Bruce Tantum